Ein persönlicher Beitrag von Christin-Marie Stamm
„Wo Menschen zusammen feiern, lebt unsere Demokratie.“
Manchmal stehe ich mitten im Karnevalstrubel, schaue mich um und denke: Genau das ist es.
Menschen lachen. Fremde liegen sich in den Armen. Generationen feiern zusammen. Unterschiedliche Lebensgeschichten treffen aufeinander und für einen Moment zählt nicht, wer man beruflich ist, woher man kommt oder was einen im Alltag trennt. Es zählt nur das Miteinander.
Ich liebe diese Zeit. Wirklich. Ich gehe zum Karneval, um zu feiern, Freundinnen und Freunde zu treffen, zu quatschen, zu lachen, zu schunkeln. Aber ich gehe auch bewusst dorthin, um zuzuhören. Um ins Gespräch zu kommen. Um zu spüren, was die Menschen bewegt.
Denn Karneval ist für mich nicht unpolitisch. Im Gegenteil.
Er ist vielleicht einer der ehrlichsten Spiegel unserer Gesellschaft.
In einer Zeit, in der der Ton rauer wird, in der sich Menschen schneller voneinander abgrenzen, in der demokratische Grundwerte nicht mehr selbstverständlich erscheinen, zeigt der Karneval, wie Zusammenhalt funktionieren kann. Hier begegnet man sich auf Augenhöhe. Hier wird Vielfalt nicht problematisiert: sie wird gefeiert.
Und genau deshalb ist das Brauchtum heute wichtiger denn je.
Karneval ist gelebte Demokratie.
Er ist Meinungsfreiheit in Büttenreden.
Er ist Kritik mit Humor.
Er ist Respekt im Miteinander.
Er ist Gemeinschaft, die trägt.
Und er ist vor allem eins: Ehrenamt.
Während viele feiern, haben andere monatelang geplant, organisiert, Sponsoren gesucht, Bühnen gebaut, Kostüme genäht, Tänze einstudiert. Menschen investieren Zeit, Energie und Herzblut: neben Beruf, Familie und Alltag. Nicht für Applaus. Nicht für Geld. Sondern für die Gemeinschaft.
Solche Momente erinnern mich daran, warum dieses Brauchtum so wichtig ist.
Vereinsarbeit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist gelebte Verantwortung. Sie ist demokratische Kulturarbeit im besten Sinne. Wer sich engagiert, übernimmt Verantwortung für andere. Und genau dieses Engagement dürfen wir nicht überfordern.
Deshalb müssen wir auch ehrlich über die aktuellen Herausforderungen sprechen. Sicherheitsauflagen werden komplexer, teurer, bürokratischer. Natürlich wollen wir sichere Veranstaltungen. Das ist völlig klar. Aber Terrorabwehr ist und bleibt eine staatliche Aufgabe. Vereine organisieren Feste – sie verursachen keine Bedrohungen und können sie auch nicht alleine beseitigen.
Wenn wir anfangen, ehrenamtlichen Strukturen Aufgaben aufzubürden, die eigentlich zur staatlichen Sicherheitsarchitektur gehören, riskieren wir mehr als nur organisatorische Probleme. Wir riskieren, dass Veranstaltungen nicht mehr stattfinden. Dass Traditionen verschwinden. Dass Orte des Miteinanders verloren gehen.
Und das wäre ein schleichender Verlust unserer demokratischen Kultur.
Und ich finde: Darüber müssen wir reden.
Genauso wie über die Rolle von Frauen im Karneval. Ich sehe so viele starke, kreative, engagierte Frauen in Garden, auf Bühnen, in Vorständen. Und trotzdem ist echte Repräsentanz noch nicht überall selbstverständlich. Tradition darf nicht Stillstand bedeuten. Sie muss sich weiterentwickeln und Gleichberechtigung gehört dazu.
Frauen gehören selbstverständlich in Verantwortung.
Auf die Bühne.
In die Vorstände.
In die Entscheidungsgremien.
Nicht als Ausnahme. Sondern als Normalität.
Und vielleicht ist genau das der Kern: Karneval darf Tradition sein, aber er darf auch Fortschritt sein.
Ich brenne für dieses Brauchtum. Für die Gespräche am Rande eines Umzugs. Für ehrliche Worte zwischen zwei Liedern. Für das Schulterklopfen, wenn jemand sagt: „Gut, dass du da bist.“ Und ja, ich freue mich, wenn ihr mich ansprecht. Wenn euch etwas unter den Nägeln brennt. Wenn ihr Kritik habt. Wenn ihr Ideen habt. Politik lebt vom Dialog und Karneval ist ein wunderbarer Ort dafür.
Vielleicht sollten wir uns öfter fragen:
Was macht unsere Gesellschaft eigentlich stark?
Für mich sind es genau diese Momente. Wenn Menschen sich begegnen. Wenn sie lachen. Wenn sie Verantwortung übernehmen. Wenn sie füreinander einstehen.
Karneval ist mehr als Kamelle und Kostüme.
Er ist Identität.
Er ist Haltung.
Er ist Demokratie im Alltag.
Und gerade deshalb müssen wir ihn schützen, stärken und weiterentwickeln.
Ich bin dankbar für jede Begegnung in dieser Session. Für jedes Gespräch. Für jede Diskussion. Und ich wünsche mir, dass wir diese Energie – dieses Miteinander – nicht nur in der fünften Jahreszeit leben.
Sondern das ganze Jahr.
Und egal ob Helau, Alaaf, Kattfiller oder Panneklöpper – am Ende geht es doch um das Gleiche: um Gemeinschaft, um Freude, um das Miteinander.
Egal, welcher Ruf bei euch durch die Halle schallt, welches Vereinslied ihr singt oder welche Tradition ihr lebt: sie alle erzählen von Zusammenhalt, von Herzblut und von einer Heimat, die man nicht erklären muss, sondern fühlt.
In diesem Sinne:
Helau!
Alaaf!
Kattfiller!
Panneklöpper!
Und an alle anderen: Ruft es so, wie es bei euch seit Generationen gerufen wird – Hauptsache, es kommt von Herzen.
Eure Christin-Marie Stamm
